
Eine rote Leinwand. Leer. Allein. Sanft klingen die ersten Klaviertöne aus einer Ecke des Saals. Nino Shervashidze sitzt am Fenster und lässt ihre Finger über die Tasten des alten Steinway-Flügels gleiten. Erwartungsvoll schauen die Zuschauer. Still. Gebannt. Das erste Lied klingt aus. Nichts ist geschehen. Doch da erhebt er sich. Langsam und gemächlich greift Mark Krause nach dem Pinsel, sein blaugestreifter Pulli: ein starker Kontrast zu der roten Leinwand. Mit brauner Farbe malt er dicke Striche. Etwas lila hier und da. Zunächst ist noch nichts zu erkennen. Nur Striche und Punkte. Mark-Krause, Plein-Air und Live-Maler lehnt sich zurück und betrachtet sein Werk. Da setzt die Musik wieder ein. Es folgen Schwarz, mehr Braun und noch etwas Gelb. Ganz von der Musik geleitet lässt Mark Krause sein Pinsel über die Leinwand wandern. Nichts existiert außer seiner Farbe, die ein auf zwei Meter große Leinwand und die Musik. Hier noch ein Tupfer, dort noch ein Strich. Was zunächst kaum zu erkennen war nimmt nun immer mehr Form und Tiefe an. Pause. Die Musikerin betrachtet das Werk. Überlegt und setzt von Neuem an zu spielen. Nun ist es Chopin. Sie braucht keine Noten. Ihre Inspiration ist das Bild. Und so inspirieren sie sich gegenseitig. Der Maler und das Mädchen. Die Kunst und die Musik. Farben und Töne.

Elf Jahre war die gebürtige Georgerin, Nino Shervashidze, auf einer Musikschule für Hochbegabte, machte sogar einen Abschluss mit Auszeichnung und studierte dann Musik. Parallel dazu studierte sie noch Computerwissenschaften. Für die Wissenschaft zog sie dann nach Paris, ließ das Musik-Studium sausen und machte ihren Master an der Université Pierre et Marie Curie. Heute die ist die erst 24-Jährige Doktorandin am Max-Planck-Campus in Tübingen, entwickelt neue Algorithmen um große Netzwerke miteinander zu vergleichen und gibt hier und da noch ein Konzert. Ob sie die Musik nicht vermisst? „Doch schon“, meint sie und seufzt. „Aber ich kann ja ab und zu noch spielen. So wie heute Abend!“
Und sie spielt voller Leidenschaft, während Mark Krause malt. Von der roten Leinwand ist kaum noch etwas zu sehen. Auch Orange-Töne mischen sich nun in das Bild. Mark Krause malt nicht nur zu Musik oder auf Konzerten - auch mal bei einer Lesungen oder einer Eröffnung. Die Bilder bleiben dort, wo sie entstehen. Sie leben weiter, eine Erinnerung an den schönen Abend. Doch wie passt das zusammen? Plein-Air, Natur, Landschaften und freier Himmel – und hier Live-Malerei in einem Saal vor Publikum? Wieso dieser Kontrast? „Draußen malen, dass ist die Sehnsucht der Maler. Die Luft spüren. Vor allem im Sommer ruft mich die Natur,“ erklärt der Maler. „Aber Live, da lasse ich mich auf etwas ein. Auf etwas Wartendes. Im Atelier bin ich in meinem Reich. Ich kann kommen und gehen wie ich will, aber Live steckt ein ganz anderer Druck dahinter. Es gibt ein Anfang und ein Ende. Es ist wie sich fallen lassen, in etwas, was ich so noch nie gemacht habe.“
Nino Shervashidze steht auf, geht um den Maler herum und betrachtet das Bild. Mark Krause lacht. Die junge Pianistin grinst, zuckt mit den Schultern, setzt sich wieder hin und spielt weiter. Farbschicht für Farbschicht trägt Mark Krause auf die Leinwand auf. Das Rot ist verschwunden, ebenso wie das anfängliche Braun. Nur noch Spuren davon sind zu erahnen. Nun passt auch der blaue Pullover zu der bunten Leinwand.
Dramatisch steigt die Musik wieder an. Schnell rasen Nino Shervashidzes Finger über den Flügel. Neue Rot-Töne, Schwarz und Grau dominieren nun das Bild. Tiefe - ein blutroter Himmel. Am Horizont versinkt die Abendsonne. Lange Schattenwürfe der Bäumen sind zu sehen. Die Musik wird trauriger.

Das Publikum ist sprachlos. „Ich bin wegen Mark gekommen“, erzählt der berühmte Tübinger Licht-Künstler Serge Le Goff. „Aber von der Musik bin ich begeistert. Ihr habt hier richtig tolle Wissenschaftler“, lacht der gebürtige Franzose.
Nachdenklich kratzt sich der Live-Maler am Kopf. Seine schwarze Mütze verrutscht. Er lehnt sich zurück und greift wieder nach der Farbe. Leises Geflüster im Publikum. Hier noch ein Tüpfchen, hier noch ein Strich. Das Klavierspiel ist zu einem leisen Plätschern verklungen. Ruhig, doch nicht vergessen. Plötzlich steigt sie wieder an. Laut. Dramatisch. Nur um kurz darauf wieder zu verklingen. Das leise Geflüster im Publikum nun plötzlich verstummt.

Immer häufiger lehnt sich der Künstler nun zurück und betrachte sein Werk. Er legt den Kopf zur Seite, betrachtet sein Bild und geht wieder etwas näher heran. Hier und da ergänzt er noch etwas. Immer zaghafter werden seine Bewegungen. Die anfänglich ausladenden Pinselstriche werden vorsichtiger und feiner. Das Bild gewinnt an Tiefe. Schattierungen lassen die Figuren in den Vordergrund oder weiter nach hinten fallen. Die Formen füllen sich mit Leben, bekommen Gesichter und blicken aus dem Bild heraus. Ein Strich, ein letzter Punkt. Noch einmal hebt die Musik an, wird laut und klingt dann aus. Nur noch ganz schnell ein Strich im untersten Eck. Das Publikum klatscht . . . und klatscht . . . und hört gar nicht mehr auf. Das Bild ist fertig. Der Maler legt den Pinsel hin, die Musikerin erhebt sich. Jemand ruft „Zugabe!“ Mark Krause schmunzelt, aber Nino Shervashidze setzt sich noch einmal an den Steinway-Flügel: Clair de Lune von Claude Debussy. Was für ein krönender Abschluss.
Weitere Informationen über die Kunst von Mark Krause unter:
www.markkrause.de Ansprechpartner: Stephanie Bertenbreiter (Presse- & Öffentlichkeitsarbeit)
Tel.: 07071 601-472
E-Mail:
presse[at]tuebingen.mpg.deDer Max-Planck-Campus Tübingen beherbergt die Max-Planck-Institute für Entwicklungsbiologie und biologische Kybernetik, sowie das Friedrich-Miescher-Laboratorium. Insgesamt arbeiten und forschen rund 700 Personen auf dem Campus. Seine Institute sind Teil der 80 Forschungseinrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Das Max-Planck-Haus präsentiert ständig wechselnde Ausstellungen und bietet Künstlern die Möglichkeit, ihre Arbeit einem breiten Publikum zu zeigen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an: Sabine Grubmüller:
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