Feldforschung auf LaRéunion

Insel der Gegensätze - Feldforschung auf La Réunion

Es ist kaum elf Uhr und schon herrschen 29 Grad und über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Luft ist zum Schneiden. Erste Wolken ziehen auf und spätestens in einer Stunde wird es schütten wie aus Kübeln, sechs Stunden lang. Es ist Januar, Hochsommer auf La Réunion.

Ralf Sommer, Direktor der Abteilung für Integrative Evolutionsbiologie, und sein Projektleiter Matthias Herrmann, der die Forschungsstation auf La Réunion betreut, sind gegen sechs Uhr morgens mit ihrem Team auf dem belebten Inselflughafen gelandet. Die Biologen kommen von weit her. Mehr als 9000 Kilometer sind sie vom MPI für Entwicklungsbiologie in Tübingen auf die 800 Kilometer östlich von Madagaskar im Indischen Ozean gelegene Insel geflogen, um hier ein ungewöhnliches Forschungsobjekt zu sammeln: einen nicht mal einen Millimeter langen Fadenwurm namens Pristionchus pacificus

Seit 2008 arbeiten die Wissenschaftler auf der Tropenin
sel, die einst für ihre Vanille berühmt war und Île Bourbon genannt wurde. La Réunion, das jüngste der drei Eilande der Maskarenen-Inselkette, hob sich vor rund zwei Millionen Jahren aus dem Indischen Ozean empor. Im Südosten rumort noch immer einer der aktivsten Feuerspeier der Erde. Der Hauptvulkan erlosch jedoch vor etwa 150 000 Jahren nach einer totalen Eruption und hinterließ den 3070 Meter hohen Piton des Neiges sowie drei tiefe Kratertäler, die Cirques. Nichts, was hier lebt, kann also älter sein als zwei Millionen Jahre. Das macht die Insel für Ralf Sommer zu einem einzigartigen Freiluftlabor zur Erforschung der Evolution.

Berglandschaft auf La Réunion
La Réunion bei Nacht

La Réunion oder „Insel der Zusammenkunft“ – ein passender Name, denn hier trifft sich die weltweite Vielfalt von Pristionchus pacificus, dem Kosmopoliten in dieser Gruppe von Fadenwürmern. Als blinde Passagiere auf Käfern sind die Würmer angereist. Zu unterschiedlichen Zeiten und aus allen Himmelsrichtungen sind sie angekommen, vorwiegend jedoch mit günstigen Winden aus dem weit entfernten Asien. Und sie entwickelten sich fortan gemeinsam mit „ihrem“ Insekt. 

Für die Biologen geht es nun, kaum angekommen, mit dem Mietwagen zum nächsten Supermarkt, in dem sich alle mit Proviant für die nächsten Tage und mit Batterien für die sogenannten Leuchtfänge eindecken, die nun jeden Abend auf dem Programm stehen werden. Dann erst steuern die Wissenschaftler ihr eigentliches Ziel an.

Im Max-Planck-Forschungscontainer in der Hafenstadt Le Port, direkt hinter dem Insektarium, herrscht Hochbetrieb. Ralf Sommers Mitarbeiter gießen Nährlösung in ungezählte kleine Petrischalen – das provisorische Zuhause für die Beute des heutigen Tages. Im Container laufen zwei Klimaanlagen, sonst wäre die Hitze unerträglich und die Fadenwurmkulturen würden eingehen. Jetzt steht die hauptsächliche Arbeit der Biologen an: Die eingesammelten Käfer müssen seziert werden und die Biologen müssen warten bis die Fadenwürmer von den Käfern herunterkommen. Ab jetzt beginnt der Kampf gegen Milben und Maden, die sich auch gerne über die Reste der Käfer hermachen. 

Eine kurze Pause gönnen sie sich, essen ihre Fertiggerichte und genießen kurz die frische Luft außerhalb des Containers. Aber nicht zu lange!

Matthias Herrmann war nur eine viertel Stunde draußen und schon haben seine Schultern einen unschönen Rotton angenommen. Nach der Arbeit im Container wird es Zeit, die Laborkittel und -schuhe gegen Regenponcho und Gummistiefel zu tauschen und die Leuchtausrüstung ins Auto zu packen – der nächste Leuchtfang steht an. Dafür werden weiße Tücher gespannt und angeleuchtet. So sollen die Insekten angelockt werden, die die Fadenwürmer transportieren.

Lichttkäfig auf La Réunion

Im Laufe des 12-tägigen Aufenthalts werden verschiedene Ziele auf der Insel angesteuert und unterschiedliche wissenschaftliche Fragen analysiert. Jan Mayer, Doktorand in der Abteilung, studiert die Sukzession der Fadenwürmer im Boden und tut dies hauptsächlich in Trois Bassins, im Westen der Insel. Der Postdoktorand Eduardo Moreno studiert die Anpassung der Würmer an den unterschiedlichen Sauerstoffgehalt in hochgelegenen Populationen. Und Mark Leaver, Postdoc bei Tony Hyman am MPI in Dresden, studiert die Temperaturanpassung der Fadenwürmer in verschiedenen Ökozonen der Insel. Die von den gefangenen Käfern abgesammelten Fadenwürmer bringen sie alle schließlich mit nach Tübingen, wo sie weiter charakterisiert und an Kollegen verteilt werden. Kaum ist die „Beute” eines Jahres bearbeitet, ist es schon wieder an der Zeit, die nächste Forschungsreise vorzubereiten. 

Text: Catarina Pietschmann, Nadja Winter

Hirschkäfer auf La Réunion